Es klopft. Sandra, Emily und Mona erstarren in ihrer Unterhaltung. Eine ohrenbetäubende Stille erfüllt den Raum. Sie spähen zur Eingangstür und trauen sich nicht, ein Wort zu sprechen. Sandra rafft sich auf und nähert sich der Tür. Ihre Hand greift zur Klinke, da stürzt Emily auf sie zu und reißt ihre Hand vom Türknauf weg. „Bist du verrückt?“, zischt Emily ihre Mutter an. „Du hättest uns umbringen können! Wie kommst du auf die Idee, die Tür aufzumachen?“ „Es hat geklopft“, verteidigt sich Sandra. „Da öffnet man die Tür.“ „So war das vielleicht in deiner Jugend. Seit ich lebe, hat uns nie jemand zu Hause besucht. Wenn wir jemanden sehen wollen, treffen wir uns am Marktplatz.“

Sie hören Schritte, die sich langsam vom Haus entfernen. Mona schleicht zum Fenster. Da ist ein Mann. Grellbunt gekleidet mit einem Rucksack auf dem Rücken. „Das ist ein Fremder“, stößt sie hervor. Sandra zuckt zusammen, dann bricht sie in Tränen aus. „Geht es dir gut, Oma?“, fragt Mona. „Wie lange habe ich darauf gewartet“, schluchzt Sandra. „Ich kann es nicht fassen. Es leben noch Menschen außerhalb dieses Tals.“

„Das ist Quatsch“, empört sich Emily. „Selbst wenn es weitere Überlebende gäbe, wie sollten sie hierher kommen? Die Passstraße wurde von einer Lawine verschüttet.“ „Ja, ein Jahr nachdem die Krankheit ausbrach“, erinnert sich Sandra. „Damals war ich 21 und du warst drei Monate alt. Wir hatten mit der Umstellung zu kämpfen – früher ein reiselustiges Paar – und auf einmal eine kleine Familie, eingesperrt in Mittenwald. Wir waren uns sicher, alles würde wieder wie früher. Unvorstellbar, dass es anders kommen könnte.“ „Und es hat nie wieder jemand das Dorf verlassen?“, mischt sich Mona ein. „Doch. Dein Opa Matthias glaubte, das Virus sei überwunden und wollte nach unseren Freunden in Wiesental sehen. Er kehrte nie zurück. Die Hoffnung schwand und die Abgeschiedenheit wurde zur Normalität. Das war vor 38 Jahren.“

„Konntet ihr wirklich die ganze Welt besichtigen, als du in meinem Alter warst?“, fragt Mona. „Mit sechzehn“, antwortet Sandra ihrer Enkelin, „bin ich mit meinen Eltern schon durch halb Asien und Amerika gereist.“ „Wart ihr damals glücklicher, in einer grenzenlosen Welt?“ Sandra seufzt. „Wir hatten alle Freiheit. Aber das war uns nicht bewusst, schließlich war es normal. Der Blick aufs Wesentliche ist uns vor schier endlosen Möglichkeiten abhandengekommen.“ Sandra hält inne. „Ich muss herausfinden, was außerhalb des Tales vor sich geht.“ Mona springt auf, von Neugier gepackt. „Oma, ich begleite dich!“

„Stopp!“, fällt Emily ihnen ins Wort. „Jetzt überstürzt nicht alles. Falls wirklich jemand außerhalb von Mittenwald lebt, wird uns der Bürgermeister informieren. Und selbst wenn, was ändert das? Unser Leben hier ist toll. Alles, was wir brauchen, bauen wir im Tal an. Jeder hat seinen Platz in der Dorfgemeinschaft und wir sind gesund.“ „Du verstehst mich nicht, weil du die alte Zeit nie gekannt hast“, erwidert Sandra. „Auf ein solches Zeichen warte ich seit 38 Jahren.“ „Und wenn ihr jemanden trefft? Vielleicht existiert das Virus noch und ihr begebt euch in Lebensgefahr!“

Am nächsten Morgen machen sich Mona und Sandra auf den Weg. Ihr Hof ist der letzte vor der Passstraße. Mona trägt einen Rucksack mit Proviant. Wurzeln und Gras drücken sich durch die einstige Asphaltdecke. Mona staunt, als sie den steilen Weg hinaufsteigen. Sie hat noch nie ihr Dorf verlassen. Auf dem Weg nach oben schwelgt Sandra in Erinnerungen über Straßencafés und Reisen durch Europa. Mona liebt es, wenn Sandra von früher erzählt. Es klingt so unwirklich, dass es ihr wie ein Märchen vorkommt. Nach stundenlangem Fußmarsch bleibt Sandra stehen und ringt nach Luft. „Ich brauche eine Stärkung, Mona. Dann packen wir den Anstieg zur alten Passhütte, da übernachten wir.“

Ein Geräusch lässt sie zusammenzucken. Als ob Steine unter einem Schuh wegrollen. Sie verstecken sich in einem Gebüsch. Keinen Moment zu spät. Ein Mann erscheint und eilt nach oben. Sandra und Mona verharren bewegungslos. Es beginnt zu dämmern. Eine halbe Stunde später kommt der Mann zurück, doch diesmal schleicht er hinunter und leuchtet mit einer Petroleumlampe hinter jeden Strauch. Sandra und Mona drücken sich auf den Boden. Schließlich entfernen sich die Schritte und der Schein der Lampe verschwindet. Mona atmet auf. „Wer war das?“, flüstert sie. „Dieser schleppende Gang“, grübelt Sandra, „kommt mir irgendwie bekannt vor.“ Mona schaudert. „Jemand will verhindern, dass wir Mittenwald verlassen!“

Nach einer kurzen, unbequemen Nacht nähern sie sich der Passhütte. Sandra hält Mona zurück. „Auf der Straße kann man uns beobachten, daher erscheint mir der Waldpfad sicherer.“ Vom Bergrücken aus entdecken sie in der Ferne ein Dorf. Mona wird mulmig zumute. War es richtig, herzukommen? Was erwartet sie im Tal? Abends erreichen die beiden Frauen Wiesental. Es ist still. Ob hier jemand lebt? Mona fällt auf, dass die Straße in besserem Zustand ist als zu Hause. Plötzlich biegt ein Mann auf einem seltsamen Gefährt durch ein steinernes Tor. „Oma, die grelle Jacke! Die hatte der Fremde vor unserem Haus an“, wispert Mona. Sie folgen dem Mann und betreten die Stadt. Was sie dort sehen, verschlägt beiden den Atem.

Sie stehen am Rande eines Marktplatzes. Dort wimmelt es vor Menschen mit neonfarbener Kleidung. Fremdartige Fahrzeuge rollen durch die Straßen. Im Zentrum des Platzes stehen Stühle und Tische unter Sonnenschirmen, und Menschen essen, trinken und lachen. Kinder toben an einem Springbrunnen und spritzen mit Wasser. Mona starrt mit offenem Mund auf das Geschehen. Auch Sandra ist überwältigt. „Davon hast du also immer geschwärmt“, stellt Mona fest. „Aber – was machen wir jetzt?“ Sie sieht Sandra an, dass auch sie mit dieser Situation überfordert ist. „Früher hat meine beste Freundin Steffi in Wiesental gewohnt. Die Chance ist klein – aber vielleicht wohnt sie noch hier.“

Tatsächlich. Auf dem Klingelschild steht der vertraute Name. Stefanie Schmidt. Sandra zögert, bevor sie auf den Klingelknopf drückt. Monas Körper ist angespannt, bereit zur Flucht. Der Türspion verdunkelt sich, dann erscheint eine Frau in Sandras Alter. „Sie wünschen?“ „Hallo Steffi“, flüstert Sandra. Steffi betrachtet die beiden Frauen forschend. Dann fällt ihr die Kinnlade herunter. „Sandra!“, stammelt sie. „Ich dachte, du wärst tot!“ Weinend schließt sie die Freundin in die Arme. Steffi schluckt. „Jetzt kommt erst einmal rein. Ihr müsst mir einiges erklären.“

Sandra erzählt von ihrem abgeschiedenen Leben in Mittenwald. „Jede Familie bewirtschaftet einen Hof und betreibt ein Handwerk. Wir verarbeiten Schafwolle zu Kleidung, Toni ist Bürgermeister und informiert uns über Neuigkeiten, Max stellt Kerzen her, damit wir Licht haben. Maria ist Heilerin und Hebamme. Nachdem die Lawine heruntergekommen war, hatten wir nie wieder Kontakt zur Außenwelt.“ Sie hält inne. „Die Lawine!“, ruft sie. „Mona, sind dir auf dem Weg Spuren einer Lawine aufgefallen?“ „Nein. Vielleicht hat jemand aufgeräumt?“ „Vielleicht. Oder es hat nie eine Lawine gegeben.“

„Hat das Matthias nie erzählt?“, mischt Steffi sich ein. „Matthias hat Wiesental gesund verlassen?“, stottert Sandra. „Ja. Er wollte dir erzählen, dass etwas nicht stimmt – und dich und Emily herholen.“ „Matthias ist nie zurückgekehrt. Wir dachten, er sei in Wiesental an dem Virus gestorben.“ Steffi ist entsetzt. „Da ich nichts mehr von euch gehört hatte, fuhr ich die Passstraße hinauf. Vor der Passhütte baute ein Polizist eine Sperre auf, mit der Aufschrift: ‚Tödliches Virus in Mittenwald. Weiterfahrt verboten!‛ Er zwang mich, umzukehren. Ich schrieb dir und Matthias Briefe, doch bekam nie eine Antwort. Schließlich ging ich davon aus, ihr wäret tot.“ In die folgende Stille platzt Sandra hinein: „Das Virus ist nie wieder ausgebrochen. Wer wollte die Menschen nur davon abhalten, nach zu Mittenwald gelangen?“ Jäh schlägt sie sich die Hand vor den Kopf. „Aber natürlich!“

Am nächsten Tag sitzen die drei Frauen im Straßencafé. Mona löffelt einen Eisbecher und staunt über die Eindrücke und das rege Treiben am Marktplatz. Sandra schlürft genüsslich ihren Weizenkaffee. „Erinnerst du dich noch an einen Espresso?“, fragt sie Steffi. „Oh ja, den vermisse ich noch immer. Ohne Flug- und Schiffsverkehr hat sich unser Speiseplan mächtig geändert. Aber wir sind wieder mobiler geworden.“ Sie zeigt auf die Gefährte, die gestern Monas Aufmerksamkeit erregt haben. „Das sind Elektrovierräder. Sie haben einen Fahrradantrieb und einen elektrischen Motor. Wir nutzen Ersatzteile aus Autos, um sie zu bauen. Mit ihnen kommen wir zu viert schnell in die umliegenden Dörfer.“ „Es gibt also weitere Orte, wo Menschen leben“, stellt Sandra fest.

„Die Menschen in Mittenwald müssen erfahren, dass sie nicht allein sind. Lass uns sofort zurückgehen und es allen erzählen!“, platzt Mona heraus. „Langsam, Mona“, bremst Sandra sie. „Du hast recht. Jeder muss es wissen. Doch es gibt jemanden, der das verhindern will.“ „Hast du eine Ahnung, wer?“ „Überleg doch mal. Wer profitiert davon, dass die Mittenwalder unter sich bleiben? So sehr, dass er eine Lawine und eine zweite Viruswelle erfindet und uns in die Berge nachstellt?“ Mona schüttelt ratlos den Kopf. „Der schwerfällige Gang! Das war Toni! Als Bürgermeister hat er in der Krise durchgegriffen und wenig Menschen sind gestorben. Seitdem hat er uneingeschränkte Macht. Wenn die Mittenwalder herausfinden, dass er gelogen hat und überall gesunde Menschen leben, wird er alles verlieren.“ „Er wird den Weg bewachen“, überlegt Mona. Doch plötzlich hat sie eine Idee.

Am Sonntag zu Sonnenaufgang hält ein Elektrovierrad vor Steffis Tür. Mona springt hinein und begrüßt Steffis Enkel Luis, Lisa und Leon. „Und jetzt auf zum Pass!“, fordert Mona sie auf. Nahe der Hütte verlangsamen sie ihr Tempo. Mona lässt sich aus dem Fahrzeug gleiten und verschwindet hinter dem nächsten Busch. Im gleichen Moment tritt ein Mann aus der Hütte und baut sich vor dem Vierrad auf. „Der Weg ist gesperrt, kehren Sie sofort um!“, befiehlt er den drei Insassen. Darauf hat Mona gewartet. Sie robbt von einem Gebüsch zum nächsten. Geschafft. Jetzt kommt das Schwierigste. Sie muss eine Lichtung überqueren. Streitfetzen dringen an ihr Ohr. Jetzt oder nie! In gebeugter Haltung rennt sie über die Lichtung – und wagt erst, sich aufzurichten, als sie hinter der Kuppe verschwunden ist.

Mona stürmt zur Tür herein. „Mona“, jubelt Emily und schließt ihre Tochter in die Arme. „Ich hatte solche Angst um dich!“ „Mama, du ahnst nicht, was wir herausgefunden haben“, sprudelt Mona hervor. „Wir sind über den Pass nach Wiesental gekommen. Dort leben Menschen! Sie treffen sich in Eiscafés, so wie Oma immer erzählt hat, und fahren mit Elektrovierrädern in die Nachbarorte – und die sind auch bewohnt! Wir müssen es sofort allen erzählen.“ Sie atmet tief ein und sieht ihre Mutter erwartungsvoll an. Emilys Blick verfinstert sich. „Nein Mona, das werden wir nicht tun. Hier lebt jeder in Frieden und ist glücklich. Keiner vermisst etwas. Warum sollten wir diesen Frieden stören?“ „Weil er auf einer Lüge basiert! Jeder muss selbst entscheiden, wie er leben will“, empört sich Mona. „Denk dir, du hättest es gewusst, als du in meinem Alter warst!“ Emily holt tief Luft. „Das habe ich.“

„Was?“, keucht Mona. „Ich war sechzehn und erntete gerade Kartoffeln. Auf einmal stand ein fremder Mann vor mir. Er fragte, ob es hier ein Gasthaus gebe – ich wusste nicht, was er meinte. Ich erschrak so sehr, dass ich schrie und wegrannte. Mein Schrei rief Toni herbei. Er sprach mit dem Fremden. Ich konnte nichts verstehen, aber schließlich verschwand der Mann, Richtung Pass. Toni schärfte mir ein, niemandem etwas zu erzählen. Die Zukunft unseres Dorfes hinge davon ab.“ „Du hast es Oma verschwiegen, obwohl sie immer davon geschwärmt hat, herauszukommen?“ „Glaub mir Mona, es war besser so. Und du wirst auch schweigen – oder für immer gehen.“

Wehmütig sieht sich Mona ein letztes Mal in ihrem Elternhaus um. Sie hatte bisher nie das Verlangen, fortzugehen. Aber mit einer solchen Lüge leben? Nein, das ist unmöglich. Sie drückt ihrer schlafenden Mutter einen Kuss auf die Stirn. Sie wird sie vermissen. Doch eines muss sie erledigen, bevor sie Mittenwald für immer verlässt.

„Glaubst du, sie kommen?“, fragt Steffi aufgeregt. Sie sitzen im Café auf dem Marktplatz von Wiesental. „Jetzt spannt mich nicht länger auf die Folter“, drängelt Sandra. „Mona, was hast du getan?“ „Ich hatte damit gerechnet, dass ich keine Chance bekäme, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Lisa hat Fotos gemacht, als wir hier zusammen saßen. Die habe ich an alle Häuser in Mittenwald verteilt. Mit einer Einladung: Wiesental empfängt die Bürger von Mittenwald, heute um 14:00 Uhr im Parkcafé. Alle, die die Wahrheit wissen wollen, werden gleich hier auftauchen.“ Sandra lächelt. Eine Willkommensflagge flattert im Wind. Erwartungsvoll starren die drei Frauen Richtung Steintor.

(c) Ria Conradi, 2020